Liebe Mama Antonietta,
ich wollte dir doch mal sagen, wie es
mir inzwischen so ergangen ist.
Also nach dieser furchtbaren Kiste, in
die sie mich eingesperrt haben (den Typen mit der dunklen Stimme und
den lauten Schritten hasse ich noch heute dafür!), wurde ich in
einem Zimmer mit kalten, glatten Steinen wieder herausgelassen. Da
bin ich sofort in dieses Becken gesprungen, was ich zu Hause auch
hatte. Man, war ich fertig! Balu ist gleich ins Katzenklo geflitzt,
ich dachte, der bekommt einen Herzschlag.
Als es dann dunkel und ganz ruhig wurde,
bin ich raus aus dem Becken und habe mich erst einmal umgesehen. Mein
oberstes Ziel war es, ein tolles Versteck zu finden, wo mich diese
komischen Zweibeiner nicht entdecken würden. Und stell dir vor: Ich
fand es. Also kroch ich schnell hinein und habe mich fortan
mucksmäuschen-still verhalten. Ich hörte wohl, dass die unbehaarten
Zweibeiner meinen Namen riefen, aber bin ich denn blöd? Nee - ich
blieb in meinem Versteck. Nur nachts habe ich mich rausgewagt, um mal
Pipi zu machen oder ein bisschen was zu fressen. Obwohl ich gar
keinen rechten Appetit hatte. Du hast mir doch so gefehlt! Und ich
habe dem Zweibeiner mit der lauten Stimme zweimal eine dicke Wurst
auf den weichen Boden vor seiner Schlafstelle gelegt. Das war meine
persönliche Rache!
Balu ließ sich inzwischen weich
klopfen, das habe ich mitbekommen. Der Zweibeiner mit der lieblichen
Stimme hat ihn immer gelockt, ihm Fressen ins Klo gereicht (das hat
der Kerl auch noch angenommen, der Blödian!), ihm das Fell gekrault.
Na, ein bisschen neidisch war ich ja doch, denn das Schmusen fehlte
mir sehr.
Und dann kam der Tag, an dem Balu mich
verraten hat. Stell dir vor. Der entdeckt mich und will auch in mein
Versteck krabbeln. Aber da passten wir beiden natürlich nicht
hinein. So wurde der Zweibeiner, der sich immer um uns bemühte, auf
ihn aufmerksam und plötzlich verschwand mein Versteck und sie fanden
mich. Man, war das Geschrei groß. Der böse Zweibeiner sah mich an,
da habe ich mich gleich wieder so erschreckt, dass ich durch die
ganzen Zimmer in das hinterste flüchtete. Da fand mich dann die
liebliche Stimme und säuselte mir ins Ohr. Dann berührte sie auch
noch mein Fell und in dem Moment habe ich mich dann auch verliebt.
Mir gefiel das Kraulen und das nette Ansprechen so gut! Habe mich gekugelt vor Freude und die Pfoten des Zweibeiners
abgeleckt. Also dieser Zweibeiner, der ist wirklich toll! Der spielt
auch immer mit mir. Es gibt da so eine Maus mit Fell dran - sieht aus
wie eine echte. An der habe ich viel Spaß! Der nette Zweibeiner
schießt sie mir weg und ich hole sie zurück und lege sie wieder vor
ihn hin. Das Spiel könnte ich stundenlang spielen!
Balu kommt inzwischen auch manchmal aus
seinem Versteck (er hat jetzt ein neues, nämlich unter den
Schüsseln, in die immer Wasser fließt). Der guckt mich aber immer
nur verständnislos an, wenn ich Freude an den kleinen Spielchen
zeige.
Das Tollste ist übrigens, wenn der
nette Zweibeiner mir die Fleischstangen, die du, liebe Mama, mir sonst auch immer
gegeben hast, in kleine Stücke pflückt und diese auf dem herrlich
glatten Boden entlangschießt. Da kann ich so richtig hinterher
hechten und sie dann noch fressen.
Apropos Fressen: Die stellen mir immer
komisches Futter hin. Die harten Körner, die ich zu Hause auch immer
bekam, schmecken mir hier irgendwie nicht so richtig. Liegt
vielleicht an der Luftveränderung. Dann bekomme ich manchmal Fressen
aus Dosen. Das ist so matschig - mag ich nicht. Und um das zu zeigen,
verscharre ich es dann erst mal demonstrativ. Komisch, dem Balu
scheint das zu schmecken.
Und stell dir vor, wenn ich bei denen
aus dem Fenster schaue, sehe ich überall Grün, das sich herrlich im
Wind bewegt. Abends tanzen Insekten vor dem Fenster. Leider komme ich
da nicht dran. Und komische Tiere laufen vor der Tür herum. Die sind
so stachelig und der nette Zweibeiner stellt denen immer das Fressen
hin, das ich nicht mochte. Also spannend ist es hier schon, wenn nur
der doofe Zweibeiner nicht da wäre. Aber den klopfe ich auch noch
weich.
Gestern habe ich mit dem netten
Zweibeiner auf dem Kissen gelegen und in so einen viereckigen Kasten
geschaut, in dem sich laufend was bewegt. Man, habe ich mich da wohl
gefühlt! Bis dann plötzlich so ein lautes Klingeln zu hören war.
Diese Geräusche hier machen mich ganz verrückt! Ständig erschrecke
ich mich vor irgend etwas und muss schon wieder in meine
Lieblingsecke hinter dem Nachtlager des netten Zweibeiners sausen.
Sogar Balu hat es gestern gewagt, ganz
kurz einmal auf das Plätzchen des netten Menschen zu springen. Aber
der ist ja ein richtiger Schiss-Hase. Der findet den doofen
Zweibeiner auch voll daneben.
Und stell dir vor: endlich haben die es
auch kapiert, dass ich soooo gerne das braune süße Zeug esse, was
die immer im Knisterpapier haben. Hmmm, das durfte ich gestern mal
schlecken, das war gut! Heute morgen habe ich es dann sogar mal
gewagt, von dem doofen Zweibeiner was von der Kralle zu schlecken.
Das war so ein hell-gelbes cremiges Zeug, das er sich jeden Morgen
auf sein Fresschen schmiert. Das duftete einfach so köstlich, das
ich nicht widerstehen konnte. Es ist gut gegangen. Der Zweibeiner hat
mich nicht noch einmal gepackt und ich glaube, ich kann jetzt auch
dem vertrauen.
Also, liebe Mama
Antonietta. Du siehst, es geht mir gut. Ich denke, ich kann
mich an dieses neue Zuhause gewöhnen. Aber dich und euch werde ich
bestimmt nie vergessen. Vielleicht kommst du uns mal in ein paar
Wochen besuchen?
Ich schicke dir einen ganz lieben
Schnurrer!
Charlie

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