Dienstag, 26. Dezember 2017

Grit und die Geister in der Flasche

Grit war eine durch und durch fröhliche Frau. So fröhlich wie der Tanz der Sonnenstrahlen auf dem Glas in ihrer Hand. Ihre positive Ausstrahlung gefiel den Menschen. Jeder war gerne mit ihr zusammen, weil er hoffte, dadurch ein wenig abzubekommen von der Energie und dem Glück, das in ihr zu wohnen schien. Und weil sie Mitleid hatte mit diesen Menschen, die in ihrem tristen, langweiligen und nur um sich selbst drehenden Leben scheinbar vor sich hinwelkten, schenkte sie ihnen gerne Zeit. Sie konnte beobachten, wie sie sich in ihrer Gegenwart wie eine dürstende Blume aufrichteten und aufblühten – für diese kurze Weile lang. 
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Mit der Zeit aber zehrte das Spenden von Zeit- und Lebenssaft an ihren Kräften. All der Gram der anderen zog nach und nach in ihre Seele ein. Erst merkte sie es kaum. Doch bald schon lag sie nachts lange wach in ihrem Bett und versuchte die Probleme der anderen zu lösen. Die Sorgen der anderen raubten ihr ihren Frohsinn. Es wich der Glanz aus ihren Augen, ihre Wangen wurden fahl. Nicht einmal etwas essen mochte sie mehr. Dabei war das früher doch ein solcher Genuss für sie. Eine Brotscheibe mit Schokoladencreme, ein feurig gewürzter Eintopf oder die herrlich frische Zitronencreme mit geschlagenem Eiweiß – dafür gab sie alles! Doch nichts davon wollte ihr mehr schmecken. Alles roch ähnlich fad wie ihr die Lebensläufe ihrer Bekanntschaften erschienen. Die merkten natürlich schnell, dass etwas nicht mit ihr stimmte, sie nicht mehr ihren Seelenmüll aufnahm. Und genau so schnell zogen sie sich aus ihrem Leben zurück. 

💔

Als Grit schließlich richtig arg krank wurde, gab es niemanden, der für sie da war. Niemand wollte ihr seine Zeit schenken, ihr zuhören oder sie einmal in den Arm nehmen. Das wäre viel zu anstrengend gewesen. Sogar ihre Familie wandte sich ab. Ihre besten Freunde waren jetzt die prickelnden Geister in den Flaschen, die sie überall in der Wohnung verteilte. Diese Geister amüsierten sie, brachten sie zum Lachen und ließen sie mit weit ausgebreiteten Armen tanzen. Und wenn sie achtgab und immer genügend Geister in sich behielt, gab es keine Probleme am Morgen oder bei der Arbeit. Sie fühlte sich frisch und leicht, obwohl tief in ihr eine Stimme sie warnte. Das würde kein gutes Ende nehmen. Darauf wollte und konnte sie inzwischen auch nicht mehr hören. Sie ließ die Geister weiter gewähren. Auf dem Weg zur Tankstelle, wo sie am bequemsten ihre Flaschen-Vorräte auffüllen konnte, gab ein Pflasterstein ihrem Leben eine neue Wendung. Ihrem schlurfenden Gang war er zum Hindernis geworden. Ehe sie sich versah, lag sie auf dem Boden wie ein Maikäfer auf dem Rücken. 
🐞

Sie wusste nicht, ob sie sich mehr Sorgen machen sollte über die Peinlichkeit der Situation oder über ihre Hilflosigkeit. Noch ehe sie den Gedanken zu Ende geführt hatte, umstanden sie plötzlich etliche Menschen. Sie beugten sich über sie und erkundigten sich, ob sie sich verletzt hatte, ob man helfen könne. Jetzt erst spürte Grit den stechenden Schmerz im Bein – nicht genau lokalisierbar. Irgendwie tat alles weh. Sie hörte, wie die Leute einen Krankenwagen anforderten. Sich dagegen zu wehren, was ihr erster Instinkt war, dazu fehlte ihr die Kraft. Schon wenige Minuten später fand sie sich auf einer Sanitätsliege wieder, wurde in einen Krankenwagen verfrachtet und in ein Krankenhaus gefahren. Welches es war, wusste sie nicht, es interessierte sie auch nicht. Hauptsache, der Schmerz wurde ihr genommen. Es stellte sich heraus, dass das rechte Bein gebrochen war. Eine Operation war nötig. Als sie wieder aufwachte, fühlte sich das Bein bleischwer an. Ein dicker Gipsverband zierte es. So wie es aussah, würde sie wohl eine ziemlich lange Zeit in diesem Krankenhaus verbringen müssen. Wie sollte sie von hier aus den Geistern in ihr das geben, wonach sie verlangten? Natürlich war es den Ärzten nicht verborgen geblieben, dass sie gerne, häufig und viel Alkohol konsumiert hatte. 
🍷

Wenn man sehen konnte und wollte, erkannte man es schon an ihrer Haut. Dort hatte das Zellgift seine Spuren hinterlassen. Die vielen roten Äderchen im Gesicht hatte sie früher nicht. Auch war es in den besseren Zeiten nicht so aufgedunsen. Schön anzusehen war sie heute wirklich nicht mehr. Die Ärzte kümmerten sich jetzt nicht nur um die Heilung des gebrochenen Knochens, sondern auch um die Vertreibung der Geister. Sie wurde auf Entzug gesetzt. Die ersten Tage waren besonders hart. Krampfanfälle und Schüttelfrost ließen sie beinahe verzweifeln. Und niemand war da, der ihr half, das durchzustehen. Als es eines Tages an der Tür klopfte und gleich darauf eine junge Frau mit einem sehr komischen Hund eintrat, war Grit erstaunt. 

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Sie kannte die Person nicht und mit Hunden hatte sie nichts am Hut. Sie machen nur Dreck, sind laut und beanspruchen ständig die Aufmerksamkeit. Jedenfalls redete sie sich das ein, seitdem der Hund, den sie als Kind inniglich geliebt hatte, Opfer der Scheidung ihrer Eltern wurde und in einem Tierheim landete. Das hatte ihr das Herz für Tiere gebrochen. Dennoch hielt sie jetzt etwas davon ab, sich brüsk abzuwenden, wie sie es sonst tat, wenn jemand kam, um ihr Gottes Botschaft zu verkünden oder sonst welche Belästigungen auf Lager hatte. Die Frau strahlte so viel Sympathie aus, dass Grit sie sogar anlächelte. Sie begrüßte Grit, nannte sie gleich beim Namen und legte ihr wie eine Freundin die Hand auf die Schulter. Grit empfand das wie ein liebevolles Streicheln. Die Besucherin stellte sich und den Hund Peggy vor. Ein großer schwarzer Irgendwas, ein wunderschönes Tier. Auch er war Opfer einer Scheidung geworden. Niemand wollte ihn mehr, niemand hatte Zeit für ihn. Grit meinte, einen Seelenverwandten in ihm zu finden, als sie seine Geschichte erfuhr. Ihr Herz, das in all den Jahren hart wie Granit geworden war, wurde plötzlich ganz weich. Und Tränen rannen ihr über die Wangen. 
😢

Das ganze Elend, das sich bei ihr eingenistet hatte, floss mit diesen Tränen davon. Die Frau streichelte währenddessen einfach nur ihre Hand und blickte sie verständnisvoll an. Der Hund sprang auf das Krankenbett und machte es sich auf den Füßen der Patientin gemütlich. Sicher war das nicht erlaubt hier – hoffentlich kam nicht gerade jetzt eine Schwester herein. Denn Grit war glücklich wie schon ewig nicht mehr. Nach einer viel zu kurzen Zeit verabschiedete sich die Besucherin, zu der sie jetzt Greta sagen durfte. Hund Peggy ließ sich noch einmal den Kopf streicheln. Dann war das Glück mit den beiden hinausgegangen. Grits Herz klopfte wie verrückt. Sie spürte das Leben in sich. Morgen wollte Greta wiederkommen. Und weiter jeden Tag bis zu Grits Entlassung aus dem Krankenhaus. Jeder dieser kommenden Tage wirkte auf ihre Seele ein. Am Ende war sie mehrfach geheilt. Die Geister in ihr waren verstummt, das Herz schlug wieder froh und hoffnungsvoll und das Bein – nun da brauchte es wohl noch ein wenig Krankengymnastik. Das Allerschönste aber war, dass sie zu Hause nicht mehr allein sein würde. Jemand, den sie lieben und verwöhnen konnte, würde dort auf sie warten. Mischlingshund Peggy durfte vom Tierheim, wo Greta arbeitete, zu ihr ziehen. Da würden sie sich nun gegenseitig Freude in jeden noch so verflixten Tag bringen. Und auch Greta hatte versprochen, ihr ab und zu einen Besuch abzustatten. Denn Grit hatte davon erzählt, dass ihre selbst gebackenen Waffeln früher bei Nachbarn und auf Straßenfesten immer der Renner waren. Ein altes Familienrezept, um einige geheim gehaltene Zutaten ergänzt, ließen das Gebäck zu einer wahren Köstlichkeit werden. 
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Im Laufe der Monate verwandelte sich Grit zurück in die fröhliche Frau, die mit beiden Beinen im Leben stand. Aus Dankbarkeit für diesen rettenden Wink des Schicksals schloss sie sich einer Gruppe der Anonymen Alkoholiker an, um dort anderen Betroffenen zu helfen, einen Weg für sich zu finden, der sie wegführt von Flasche und Glas. Peggy war stets an ihrer Seite und ein wertvoller Assistent, der Brücken baute zu den Menschen. Um nicht wieder in den Sog der Sorgen der anderen hineinzugeraten, im Strudel ihrer Nöte zu ertrinken, hatte Grit sich einen Trick ausgedacht. Sobald das Päckchen Lebenslast, das man ihr reichte, zu schwer wurde, packte sie zu Hause ein echtes Paket. Dort hinein legte sie symbolisch all das, was die anderen belastet hatte. Dann wickelte sie es in Packpapier und schickte es mit der Post an eine Adresse, die in keinem Telefonbuch der Welt zu finden war. Ebenso verhielt es sich mit der Angabe des Absenders. Auf diese Weise war ihre Seele immer frei und unbelastet. Die Postbediensteten werden sich allerdings gewundert haben, über den „Spinner“, der ständig Pakete ohne Inhalt an unbekannte Adressen schickt.  

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