Grit war eine durch und durch fröhliche
Frau. So fröhlich wie der Tanz der Sonnenstrahlen auf dem Glas in
ihrer Hand. Ihre positive Ausstrahlung gefiel den Menschen. Jeder war
gerne mit ihr zusammen, weil er hoffte, dadurch ein wenig
abzubekommen von der Energie und dem Glück, das in ihr zu wohnen
schien. Und weil sie Mitleid hatte mit diesen Menschen, die in ihrem
tristen, langweiligen und nur um sich selbst drehenden Leben
scheinbar vor sich hinwelkten, schenkte sie ihnen gerne Zeit. Sie
konnte beobachten, wie sie sich in ihrer Gegenwart wie eine dürstende
Blume aufrichteten und aufblühten – für diese kurze Weile lang.
🌺
Mit der Zeit aber zehrte das Spenden von Zeit- und Lebenssaft an
ihren Kräften. All der Gram der anderen zog nach und nach in ihre
Seele ein. Erst merkte sie es kaum. Doch bald schon lag sie nachts
lange wach in ihrem Bett und versuchte die Probleme der anderen zu
lösen. Die Sorgen der anderen raubten ihr ihren Frohsinn. Es wich
der Glanz aus ihren Augen, ihre Wangen wurden fahl. Nicht einmal
etwas essen mochte sie mehr. Dabei war das früher doch ein solcher
Genuss für sie. Eine Brotscheibe mit Schokoladencreme, ein feurig
gewürzter Eintopf oder die herrlich frische Zitronencreme mit
geschlagenem Eiweiß – dafür gab sie alles! Doch nichts davon
wollte ihr mehr schmecken. Alles roch ähnlich fad wie ihr die
Lebensläufe ihrer Bekanntschaften erschienen. Die merkten natürlich
schnell, dass etwas nicht mit ihr stimmte, sie nicht mehr ihren
Seelenmüll aufnahm. Und genau so schnell zogen sie sich aus ihrem
Leben zurück.
💔
Als Grit schließlich richtig arg krank wurde, gab es
niemanden, der für sie da war. Niemand wollte ihr seine Zeit
schenken, ihr zuhören oder sie einmal in den Arm nehmen. Das wäre
viel zu anstrengend gewesen. Sogar ihre Familie wandte sich ab. Ihre
besten Freunde waren jetzt die prickelnden Geister in den Flaschen,
die sie überall in der Wohnung verteilte. Diese Geister amüsierten
sie, brachten sie zum Lachen und ließen sie mit weit ausgebreiteten
Armen tanzen. Und wenn sie achtgab und immer genügend Geister in
sich behielt, gab es keine Probleme am Morgen oder bei der Arbeit.
Sie fühlte sich frisch und leicht, obwohl tief in ihr eine Stimme
sie warnte. Das würde kein gutes Ende nehmen. Darauf wollte und
konnte sie inzwischen auch nicht mehr hören. Sie ließ die Geister
weiter gewähren. Auf dem Weg zur Tankstelle, wo sie am bequemsten
ihre Flaschen-Vorräte auffüllen konnte, gab ein Pflasterstein ihrem
Leben eine neue Wendung. Ihrem schlurfenden Gang war er zum Hindernis
geworden. Ehe sie sich versah, lag sie auf dem Boden wie ein Maikäfer
auf dem Rücken.
🐞
Sie wusste nicht, ob sie sich mehr Sorgen machen
sollte über die Peinlichkeit der Situation oder über ihre
Hilflosigkeit. Noch ehe sie den Gedanken zu Ende geführt hatte,
umstanden sie plötzlich etliche Menschen. Sie beugten sich über sie
und erkundigten sich, ob sie sich verletzt hatte, ob man helfen
könne. Jetzt erst spürte Grit den stechenden Schmerz im Bein –
nicht genau lokalisierbar. Irgendwie tat alles weh. Sie hörte, wie
die Leute einen Krankenwagen anforderten. Sich dagegen zu wehren, was
ihr erster Instinkt war, dazu fehlte ihr die Kraft. Schon wenige
Minuten später fand sie sich auf einer Sanitätsliege wieder, wurde
in einen Krankenwagen verfrachtet und in ein Krankenhaus gefahren.
Welches es war, wusste sie nicht, es interessierte sie auch nicht.
Hauptsache, der Schmerz wurde ihr genommen. Es stellte sich heraus,
dass das rechte Bein gebrochen war. Eine Operation war nötig. Als
sie wieder aufwachte, fühlte sich das Bein bleischwer an. Ein dicker
Gipsverband zierte es. So wie es aussah, würde sie wohl eine
ziemlich lange Zeit in diesem Krankenhaus verbringen müssen. Wie
sollte sie von hier aus den Geistern in ihr das geben, wonach sie
verlangten? Natürlich war es den Ärzten nicht verborgen geblieben,
dass sie gerne, häufig und viel Alkohol konsumiert hatte.
🍷
Wenn man
sehen konnte und wollte, erkannte man es schon an ihrer Haut. Dort
hatte das Zellgift seine Spuren hinterlassen. Die vielen roten
Äderchen im Gesicht hatte sie früher nicht. Auch war es in den
besseren Zeiten nicht so aufgedunsen. Schön anzusehen war sie heute
wirklich nicht mehr. Die Ärzte kümmerten sich jetzt nicht nur um
die Heilung des gebrochenen Knochens, sondern auch um die Vertreibung
der Geister. Sie wurde auf Entzug gesetzt. Die ersten Tage waren
besonders hart. Krampfanfälle und Schüttelfrost ließen sie beinahe
verzweifeln. Und niemand war da, der ihr half, das durchzustehen. Als
es eines Tages an der Tür klopfte und gleich darauf eine junge Frau
mit einem sehr komischen Hund eintrat, war Grit erstaunt.
🐕
Sie kannte
die Person nicht und mit Hunden hatte sie nichts am Hut. Sie machen
nur Dreck, sind laut und beanspruchen ständig die Aufmerksamkeit.
Jedenfalls redete sie sich das ein, seitdem der Hund, den sie als
Kind inniglich geliebt hatte, Opfer der Scheidung ihrer Eltern wurde
und in einem Tierheim landete. Das hatte ihr das Herz für Tiere
gebrochen. Dennoch hielt sie jetzt etwas davon ab, sich brüsk
abzuwenden, wie sie es sonst tat, wenn jemand kam, um ihr Gottes
Botschaft zu verkünden oder sonst welche Belästigungen auf Lager
hatte. Die Frau strahlte so viel Sympathie aus, dass Grit sie sogar
anlächelte. Sie begrüßte Grit, nannte sie gleich beim Namen und
legte ihr wie eine Freundin die Hand auf die Schulter. Grit empfand
das wie ein liebevolles Streicheln. Die Besucherin stellte sich und
den Hund Peggy vor. Ein großer schwarzer Irgendwas, ein
wunderschönes Tier. Auch er war Opfer einer Scheidung geworden.
Niemand wollte ihn mehr, niemand hatte Zeit für ihn. Grit meinte,
einen Seelenverwandten in ihm zu finden, als sie seine Geschichte
erfuhr. Ihr Herz, das in all den Jahren hart wie Granit geworden war,
wurde plötzlich ganz weich. Und Tränen rannen ihr über die Wangen.
😢
Das ganze Elend, das sich bei ihr eingenistet hatte, floss mit diesen
Tränen davon. Die Frau streichelte währenddessen einfach nur ihre
Hand und blickte sie verständnisvoll an. Der Hund sprang auf das
Krankenbett und machte es sich auf den Füßen der Patientin
gemütlich. Sicher war das nicht erlaubt hier – hoffentlich kam
nicht gerade jetzt eine Schwester herein. Denn Grit war glücklich
wie schon ewig nicht mehr. Nach einer viel zu kurzen Zeit
verabschiedete sich die Besucherin, zu der sie jetzt Greta sagen
durfte. Hund Peggy ließ sich noch einmal den Kopf streicheln. Dann
war das Glück mit den beiden hinausgegangen. Grits Herz klopfte wie
verrückt. Sie spürte das Leben in sich. Morgen wollte Greta
wiederkommen. Und weiter jeden Tag bis zu Grits Entlassung aus dem
Krankenhaus. Jeder dieser kommenden Tage wirkte auf ihre Seele ein.
Am Ende war sie mehrfach geheilt. Die Geister in ihr waren verstummt,
das Herz schlug wieder froh und hoffnungsvoll und das Bein – nun da
brauchte es wohl noch ein wenig Krankengymnastik. Das Allerschönste
aber war, dass sie zu Hause nicht mehr allein sein würde. Jemand,
den sie lieben und verwöhnen konnte, würde dort auf sie warten.
Mischlingshund Peggy durfte vom Tierheim, wo Greta arbeitete, zu ihr
ziehen. Da würden sie sich nun gegenseitig Freude in jeden noch so
verflixten Tag bringen. Und auch Greta hatte versprochen, ihr ab und
zu einen Besuch abzustatten. Denn Grit hatte davon erzählt, dass
ihre selbst gebackenen Waffeln früher bei Nachbarn und auf
Straßenfesten immer der Renner waren. Ein altes Familienrezept, um
einige geheim gehaltene Zutaten ergänzt, ließen das Gebäck zu
einer wahren Köstlichkeit werden.
🍥
Im Laufe der Monate verwandelte
sich Grit zurück in die fröhliche Frau, die mit beiden Beinen im
Leben stand. Aus Dankbarkeit für diesen rettenden Wink des
Schicksals schloss sie sich einer Gruppe der Anonymen Alkoholiker an,
um dort anderen Betroffenen zu helfen, einen Weg für sich zu finden,
der sie wegführt von Flasche und Glas. Peggy war stets an ihrer
Seite und ein wertvoller Assistent, der Brücken baute zu den
Menschen. Um nicht wieder in den Sog der Sorgen der anderen
hineinzugeraten, im Strudel ihrer Nöte zu ertrinken, hatte Grit sich
einen Trick ausgedacht. Sobald das Päckchen Lebenslast, das man ihr
reichte, zu schwer wurde, packte sie zu Hause ein echtes Paket. Dort
hinein legte sie symbolisch all das, was die anderen belastet hatte.
Dann wickelte sie es in Packpapier und schickte es mit der Post an
eine Adresse, die in keinem Telefonbuch der Welt zu finden war.
Ebenso verhielt es sich mit der Angabe des Absenders. Auf diese Weise
war ihre Seele immer frei und unbelastet. Die Postbediensteten werden
sich allerdings gewundert haben, über den „Spinner“, der ständig
Pakete ohne Inhalt an unbekannte Adressen schickt.
📦