Donnerstag, 9. Juli 2015

Der Apfelbaum und die Ulme - eine Geschichte für jung Gebliebene

In dem großen Garten bei der Windmühle stand ein Apfelbaum. 

Obwohl er schon etliche Jahre auf dem Buckel hatte, hatte er noch in keinem Jahr geblüht und Früchte getragen. Es ist jetzt Ende April, und auch dieses Jahr scheint die Blütezeit am Baum erfolglos vorbeizugehen.
Doch was ein guter Apfelbaum werden soll, braucht Zeit und Geduld. Das jedenfalls flüsterte die nahestehende große und alte Ulme durch ihre Blätter dem Apfelbaum zu. „Es wird schon werden“ sagte sie. Der Apfelbaum war erleichtert. Wenigstens ein Mitbaum, der seine Sorgen anhörte und Trost spendete. Nur, wie es werden würde, das stand wohl in den Sternen. 

Ein kleines Mäuschen, das im geschnittenen Gras saß, das um den Baumstamm herum angehäuft war, hatte das Gespräch der beiden Bäume verfolgt und meldete sich jetzt zu Wort: „Ihr seid mir ein hervorragender Schutz und eine Herberge. Unter Eurer festen Baumordnung läßt sich gut leben. Was hat der Apfelbaum nur für Sorgen?! Ich dagegen habe vier Beine und könnte als Nachrichtenübermittler dienen. Wir sollten kooperieren." Vielleicht wäre die Maus tatsächlich hilfreich für den Apfelbaum. Sie könnte sich für ihn einmal umschauen in den benachbarten Gärten, ob dort womöglich ein anderer Apfelbaum stehe. Nur einen seiner Äste wollte der traurige Baum haben. Diesen eine zeitlang mit den eigenen Ästen umarmen – wie schön das wäre.  
Sich dies auszumalen, erschreckte die Maus. Wie sollte sie den Ast eines anderen Apfelbaumes transportieren?! Es musste eine andere Lösung her: Sie könne von Apfelbaum zu Apfelbaum eilen. Dann könne sie frohe Bekundungen erhalten und mitteilen. Das könnte helfen. Sie müsse aber auf der Hut sein wegen etlicher „Mäusejäger". Doch sie werde es wagen. Auch wolle sie Kontakt zu den fleissigen Bienen aufnehmen, damit diese sich emsig eine Besamung des Apfelbaumes vornehmen. Das wären viele, viele Umarmungen. Der Apfelbaum kicherte vor sich hin. Das würde sicherlich sehr kitzeln. 
Die Maus als Bienen-Botschafter – die Idee gefällt dem Baum. Damit dem kleinen Tier bei seinem überlebenswichtigen Auftrag kein Leid geschehe, wollte er die beiden alten Krähen bitten, es zu begleiten. Sie sollten, wenn nötig, Katzen und anderen Mäusefeinden den Garaus machen. Direkt am nächsten Morgen, als sich die großen schwarzen Vögel auf den obersten Ästen des Apfelbaumes niedergelassen hatten, beschlossen sie, den ersten Versuch zu wagen. 
Die Maus mit ihren kleinen, aber schnellen Füßen fand geschwind einen Apfelbaum ganz in der Nähe. Aber wo waren die Krähen? Mit großem Flügelschlag waren sie schon meilenweit vorausgeflogen und rasteten auf der Ulme – mit Ausschau nach der Maus. Die Ulme brummte: „Das war wohl nichts mit dem Schutz der Maus! Alles zurück zum Ausgangspunkt und einen nächsten Versuch wagen. So klappt das nicht. Ihr müsst besser koordinieren! Das war keine gute Abstimmung!“ 
Zu einem neuen Geleit-Flug hatten die Krähen aber gar keine Lust, zumal sie sahen, dass die Maus unbeschadet den nächsten Apfelbaum erreicht hatte. Hier auf der Ulme saß man wunderbar, genoss einen tollen Ausblick und die unscheinbaren Blüten des Baumes verströmten einen verführerischen Duft. Sie beobachteten die Bienen, wie sie sich an den Blüten labten. Da kam der älteren Krähe die Idee, nicht weiter nach geeigneten Apfelbäumen zu suchen. Sie öffnete den Schnabel, nahm ein paar der fleißigen Insekten darin auf und besann sich dann doch eines Besseren: Sie schaute ihrer Krähendame tief in die Augen, blinzelte dabei ein wenig, machte einen verliebten Schwenk mit ihrem Schwanz, erst nach rechts, dann nach links. Das war ein deutliches Signal dafür, dass Krähenkavalier und Krähendame sich lieben sollten. Und das taten sie. Die Maus sah das piepsend und freudestrahlend und dachte: haben die es gut. Die haben jetzt andere Interessen, als mich zu unterstützen. Doch ich komme schon alleine zurecht und kümmere mich, wie dem Apfelbaum versprochen, um die Bienchen. Der Apfelbaum nickte zustimmend und erwartungsvoll. 

Die Bienen, die sich an den Blüten der Ulme gelabt hatten und die schon im Schnabel der Krähe gewesen waren, hatte das schlaue Mäuschen nämlich in einem Blätterdach aufgefangen. Bis die Insekten sich berappelt hatten, hatte die Maus sie schon eingewickelt, nahm das Bündel zwischen die Zähne und flitzte so schnell es ging zum Apfelbaum. Sie erkletterte seinen Stamm in Windeseile und entließ, auf einem dicken Ast angekommen, die Bienen. Die schauten sich erstaunt um und putzten sich dann erst einmal, wobei sie den ganzen Blütenstaub der Ulme aus ihrem Haarkleid kämmten. 

Nur ein paar Monate später galt es, ein wahres Blütenfest zu feiern. So schön, wie man es sich kaum ausdenken könnte. Die Bienen tummelten sich und schwirrten um die Wette mit rasender Geschwindigkeit, dass es einem fast Bang werden konnte. Die Maus tanzte auf ihren Hinterbeinen im Kreise herum – zum schwindelig werden, und die Ulme wog sich hin und her, um mit ihren Blättern ein großes Beifalls-Rascheln zu erzeugen. Die Raben sahen und hörten das aus der Ferne und machten große Augen vor Verwunderung, die bald in Begeisterung umschlug. Der Apfelbaum aber ruhte sehr zufrieden in sich, denn sein Fortbestand war jetzt endlich sicher. Was den Menschen nicht gelungen war – die Natur und ihre Kinder hatten es geschafft.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen