In dem großen Garten bei der Windmühle
stand ein Apfelbaum.
Obwohl er schon etliche Jahre auf dem Buckel hatte, hatte er noch in
keinem Jahr geblüht und Früchte getragen. Es ist jetzt Ende April,
und auch dieses Jahr scheint die Blütezeit am Baum erfolglos
vorbeizugehen.
Doch
was ein guter Apfelbaum werden soll, braucht Zeit und Geduld. Das
jedenfalls flüsterte die nahestehende große und alte Ulme durch
ihre Blätter dem Apfelbaum zu. „Es wird schon werden“ sagte sie.
Der Apfelbaum war erleichtert. Wenigstens ein Mitbaum, der seine
Sorgen anhörte und Trost spendete. Nur, wie es werden würde, das
stand wohl in den Sternen.
Ein kleines Mäuschen, das im
geschnittenen Gras saß, das um den Baumstamm herum angehäuft war,
hatte das Gespräch der beiden Bäume verfolgt und meldete sich jetzt
zu Wort: „Ihr seid mir ein hervorragender Schutz und eine Herberge.
Unter Eurer festen Baumordnung läßt sich gut leben. Was hat der
Apfelbaum nur für Sorgen?! Ich dagegen habe vier Beine und könnte
als Nachrichtenübermittler dienen. Wir sollten kooperieren."
Vielleicht wäre die Maus tatsächlich hilfreich für den Apfelbaum.
Sie könnte sich für ihn einmal umschauen in den benachbarten
Gärten, ob dort womöglich ein anderer Apfelbaum stehe. Nur einen
seiner Äste wollte der traurige Baum haben. Diesen eine zeitlang mit
den eigenen Ästen umarmen – wie schön das wäre.
Sich
dies auszumalen, erschreckte die Maus. Wie sollte sie den Ast eines
anderen Apfelbaumes transportieren?! Es musste eine andere Lösung
her: Sie könne von Apfelbaum zu Apfelbaum eilen. Dann könne sie
frohe Bekundungen erhalten und mitteilen. Das könnte helfen. Sie
müsse aber auf der Hut sein wegen etlicher „Mäusejäger".
Doch sie werde es wagen. Auch wolle sie Kontakt zu den fleissigen
Bienen aufnehmen, damit diese sich emsig eine Besamung des
Apfelbaumes vornehmen. Das wären viele, viele Umarmungen. Der
Apfelbaum kicherte vor sich hin. Das würde sicherlich sehr kitzeln.
Die Maus als Bienen-Botschafter – die Idee gefällt dem Baum. Damit
dem kleinen Tier bei seinem überlebenswichtigen Auftrag kein Leid
geschehe, wollte er die beiden alten Krähen bitten, es zu begleiten.
Sie sollten, wenn nötig, Katzen und anderen Mäusefeinden den Garaus
machen. Direkt am nächsten Morgen, als sich die großen schwarzen
Vögel auf den obersten Ästen des Apfelbaumes niedergelassen hatten,
beschlossen sie, den ersten Versuch zu wagen.
Die Maus mit ihren
kleinen, aber schnellen Füßen fand geschwind einen Apfelbaum ganz
in der Nähe. Aber wo waren die Krähen? Mit großem Flügelschlag
waren sie schon meilenweit vorausgeflogen und rasteten auf der Ulme –
mit Ausschau nach der Maus. Die Ulme brummte: „Das war wohl nichts
mit dem Schutz der Maus! Alles zurück zum Ausgangspunkt und einen
nächsten Versuch wagen. So klappt das nicht. Ihr müsst besser
koordinieren! Das war keine gute Abstimmung!“
Zu einem neuen
Geleit-Flug hatten die Krähen aber gar keine Lust, zumal sie sahen,
dass die Maus unbeschadet den nächsten Apfelbaum erreicht hatte.
Hier auf der Ulme saß man wunderbar, genoss einen tollen Ausblick
und die unscheinbaren Blüten des Baumes verströmten einen
verführerischen Duft. Sie beobachteten die Bienen, wie sie sich an
den Blüten labten. Da kam der älteren Krähe die Idee, nicht weiter
nach geeigneten Apfelbäumen zu suchen. Sie öffnete den Schnabel,
nahm ein paar der fleißigen Insekten darin auf und besann sich dann
doch eines Besseren: Sie schaute ihrer Krähendame tief in die Augen,
blinzelte dabei ein wenig, machte einen verliebten Schwenk mit ihrem
Schwanz, erst nach rechts, dann nach links. Das war ein deutliches
Signal dafür, dass Krähenkavalier und Krähendame sich lieben
sollten. Und das taten sie. Die Maus sah das piepsend und
freudestrahlend und dachte: haben die es gut. Die haben jetzt andere
Interessen, als mich zu unterstützen. Doch ich komme schon alleine
zurecht und kümmere mich, wie dem Apfelbaum versprochen, um die
Bienchen. Der Apfelbaum nickte zustimmend und erwartungsvoll.
Die
Bienen, die sich an den Blüten der Ulme gelabt hatten und die schon
im Schnabel der Krähe gewesen waren, hatte das schlaue Mäuschen
nämlich in einem Blätterdach aufgefangen. Bis die Insekten sich
berappelt hatten, hatte die Maus sie schon eingewickelt, nahm das
Bündel zwischen die Zähne und flitzte so schnell es ging zum
Apfelbaum. Sie erkletterte seinen Stamm in Windeseile und entließ,
auf einem dicken Ast angekommen, die Bienen. Die schauten sich
erstaunt um und putzten sich dann erst einmal, wobei sie den ganzen
Blütenstaub der Ulme aus ihrem Haarkleid kämmten.
Nur ein paar
Monate später galt es, ein wahres Blütenfest zu feiern. So schön,
wie man es sich kaum ausdenken könnte. Die Bienen tummelten sich und
schwirrten um die Wette mit rasender Geschwindigkeit, dass es einem
fast Bang werden konnte. Die Maus tanzte auf ihren Hinterbeinen im
Kreise herum – zum schwindelig werden, und die Ulme wog sich hin und
her, um mit ihren Blättern ein großes Beifalls-Rascheln zu
erzeugen. Die Raben sahen und hörten das aus der Ferne und machten
große Augen vor Verwunderung, die bald in Begeisterung umschlug. Der
Apfelbaum aber ruhte sehr zufrieden in sich, denn sein Fortbestand
war jetzt endlich sicher. Was den Menschen nicht gelungen war – die
Natur und ihre Kinder hatten es geschafft.
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